Donnerstag, 6. September 2018

Marlowe




Marlowe ist gestern eingeschlafen. Er hat mein Leben und das von Merlin über 10,5 Jahre bereichert. Ich vermisse ihn.


Bei der Voruntersuchung zur anstehenden OP gestern wurde zunächst festgestellt, dass die Masse seit vergangenem Freitag erneut gewachsen war und nun fühl- und ertastbar bis zum Knochen reichte. Da der Tierarzt am Freitag ein Medikament gespritzt hatte, um das Wachstum zu verlangsamen und uns für die Vorbereitung zur OP mehr Zeit zu geben, waren wir alle ziemlich geschockt. Der Tierarzt sagte, er werde vor diesem Hintergrund voraussichtlich tiefer und mehr schneiden und mit auf der linken Seiten an den Brustbereich gehen müssen, was aber bewegungstechnisch keinen Unterschied machen werde. Marlowe hatte erneut 100 g abgenommen - er hatte während der letzten vier Tage im Grunde nur Flüssigkeit geschleckt und am Dienstagabend ein paar Streifen Rindlfleisch. Während der Voruntersuchungen wurde auch ein sehr schneller Herzschlag festgestellt, der in den letzten Jahren zwar gestiegen war, aber noch keine Behandlung erforderlich gemacht hatte. Wir brachten ihn mit dem Stress zusammen mit dem Tumorwachstum in Verbindung.  Marlowe bekam ein blutdrucksenkendes Mittel und eine Kombination von Schmerzmitteln und wir beide setzten uns ins Wartezimmer, um das Einsetzen der Wirkung abzuwarten. Etwas später bekam er eine weitere Spritze, die ihn bereits deutlich beruhigte. Danach saß ich bei ihm, hielt seinen Kopf, während er fürsorglich aber konzentriert rasiert wurde, und streichelte ihn, als ihm das Narkosemittel gegeben wurde und es zu wirken begann. 
Kurz nach halb vier verließ ich die Praxis und kurz nach 18 Uhr bekam ich einen Anruf: Die OP sei beendet, sie sei soweit gut verlaufen, auch wenn weiter geschnitten werden musste, und man sei optimistisch, dass man alles gut entfernt habe; die "Ränder" würden dem Zystologen übermittelt für den Test. Wenn Marlowe aufgewacht sei, würde ich angerufen. Und so wartete ich. Ich machte eine Wärmflasche heiß und steckte sie vorbereitend in die Decke, in die sich Marlowe gern verkroch und die seinen Geruch hatte. Ich las ein Buch. Ich gab Merlin sein Abendessen. Und um kurz nach 21 Uhr rief der Tierarzt an - Marlowe sei wach, ich könne kommen. Marlowe habe die Narkose gut verkraftet; manche Kastrationspatienten bräuchten länger für die Aufwachphase. Marlowe habe versucht, sich aufzurichten, rechts auf das Vorderbein - links jedenfalls den  Schulterbereich schon mal bewegt.  Der Tierarzt meinte, dass die vertraute Umgebung und ich jetzt zur Minderung des Schocks und des Stresses hilfreich wären. Er hätte ihm vor kurzem Antibiotika und Flüssigkeit gegeben, die Marlowe auch gut geschluckt hätte, und dann wies er mich in die Nachsorge für die Nacht ein, insbesondere Gabe von Flüssigkeit (die er aushändigte), Wärme, Antibiotika für den frühen Morgen -  und wann ich am Donnerstag wieder kommen sollte. 
Und dann ... dann war Marlowe bereits kollabiert, Atmung und Herzschlag hatten ausgesetzt. Wir haben irgendwann (15, 20 Minuten?) akzeptieren müssen, dass Marlowe aufgehört hatte, zu kämpfen. Ich war in dieser Zeit immer nah bei ihm, habe ihn gestreichelt, habe in sein Ohr gesprochen; ich will glauben, er hat mich irgendwie noch wahrgenommen, bevor er ging.

Nachtrag 18.30 Uhr
Ich war gerade noch einmal in der Praxis. Der Tierarzt hat eine Autopsie gemacht in der Hoffnung, die Ursache für den plötzlichen Kollaps zu finden.  Es gab nicht nur die Masse am Bein. Eine Niere war bereits deutlich verändert - und versteckt hinter dem Herz hatte sich auch eine Masse entwickelt, fast so groß wie das Herz, die gegen letzteres drückte. Diese drei Dinge hatte an Marlowes Kräften gezehrt, und nur die große Masse war auf den von verschiedenen Seiten aufgenommenen Röntgenbildern erkennbar gewesen. Marlowes Herz- und Kreislaufsystem war nicht in der Lage, nach der Narkose mit dem Schockzustand und dem gegen das Herz drückenden Tumor wieder richtig einzusetzen. So jedenfalls habe ich den Tierarzt als Laie verstanden. Ohne die OP wäre seine Lebenserwartung jedoch auch nicht mehr hoch gewesen. Es tut mir weh und leid, dass ich Marlowe dem Stress zur OP ausgesetzt habe statt ihn in Ruhe zu lassen und palliativ zu versorgen, aber all das Vorstehende war vor dem Eingriff nicht erkennbar und um die am Bein schnell wuchernde Masse, die einzige für uns erkennbare, musste sich gekümmert werden. Die Masse am Herz lag so unglücklich, dass sie auf den Bildern nicht zu sehen war und auch die Veränderungen auf der Niere waren nicht erkennbar. Auch früher gab es keine Anzeichen; das erste offensichtliche war das Humpeln.
Ich bin dankbar, dass Marlowe den Mittwochvormittag in der Sonne auf dem Balkon verbrachte, dass er am Dienstag Appetit hatte und Rindfleisch aß, dass er die Praxis und das Team kannte, dass ich bis zur Narkose bei ihm war und auch in den Minuten, bevor er ging. Wie gesagt, ich will glauben, dass er mich noch irgendwie wahrgenommen hat.