Ich bin mal wieder wütend.
Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich z.B. nicht mitbekommen haben, dass und wofür Robert Billot den "alternativen Nobelpreis" 2017 erhalten hat, nämlich für die Aufdeckung einer über Jahrzehnte andauernden chemischen
Umweltverschmutzung, das Erreichen von Entschädigung für deren Opfer und
seinen Einsatz für eine effektivere Regulierung gefährlicher
Chemikalien. Vorab auch ein Dislaimer: Ich habe mit Chemie so gar nichts am Hut, das Buch war im amerikanischen Original und so gehen sämtliche Fehler, besonders bei der Bezeichnung/Beschreibung der Chemikalien, auf mich, aber selbst mit Lesart-Fehlern sind die geschilderten Dinge und deren Auswirkungen so wütend machend. Es ist natürlich auch nicht hilfreich, dass sich die Abkürzungen der Gruppe so ähneln und dass - wie im Buch deutlich wird - gerne Code-Namen bzw. Umbenennungen vorgenommen wurden, so insbesondere
C8 statt PfOA
.
Als Robert Billot von dem Farmer Earl Tennant angesprochen wird, ist er
angestellter Unternehmensanwalt in einer Anwaltskanzlei, die regelmäßig
Firmen in Bezug auf Umweltregulierungen etc. berät und betreut. Earl
Tennannt kommt über eine persönliche Beziehung, nämlich Billots
Großmutter, zu ihm, nachdem er über einen langen Zeitraum mit seinen
Fragen und Beschwerden gegen Wände gelaufen ist: Seine Rinderherde hat
sich trotz unveränderter Versorgung und Betreuung um die Hälfte
dezimiert, seine - eigenen - Obduktionen ergeben seltsamen Veränderungen
in den Tieren, die förmlich sichtbar dahinsiechen. Auch Wildleben
stirbt, auch Haustiere. Tennant geht von einer Vergiftung der
Trinkquelle seiner Herde aus. Er hat den Eindruck, dass die vor Ort ansässige Firma
DuPont, die legal dort Abwasser einführen darf, mehr als die
regulierten Inhalte einbringt. Billot schaut
sich die Unterlagen an und nimmt in Abstimmung mit den Inhabern der Kanzlei Tennants Fall an, obwohl man sich so auf die "Gegenseite" der sonstigen
Mandanten begibt. Die ersten Unterlagen und Untersuchungen sind nicht
gerade erfolgversprechend, die Untersuchungen der Proben ergeben nichts. Allerdings macht die Taktik DuPonts Robert Billot misstrauisch und er
gräbt weiter, fordert Unterlagen an, die nicht nur auf Abwasser, sondern
die Abläufe "davor" umfassen und stößt auf die Chemikalie mit dem
Namen "ammonium perfluorooctanoate"
oder
auch APFO = eine Version von
PFOA
Zur Einordnung nach meiner Laienrecherche:
Perfluoroctansäure, kurz PFOA, gehört, wie mir Tante Wiki erklärt hat, zu den per- und polyfluorierten Alkylverbindungen (kurz PFAS, ich habe auch PFC gelesen, historisch auch schon mal PFT - es gibt offenbar über 4700 verschiedene PFTs- bzw. PFAS-Verbindungen, es ist also eine große Gruppe) und hat öl- und wasserabstoßende Eigenschaften. Damit wirkt es wie ein Tensid und Tenside werden z.B. als Emulgatoren genutzt. Tenside/Emulgatoren sind zu finden z.B. in Wasch- oder Spülmitteln, Druckertinte, Löschschaum, sie werden aber auch zur Verseifung z.B. von Kakaopulver genutzt (lt. Wiki).
Und konkret PFOA wurde als Emulgator von DuPont bei der Herstellung von einem Produkt mit dem Handelsnamen "Teflon" verwendet, welches ein Polymer ist und - wenn ich es richtig verstanden habe - auch Polytetrafluorethylen (kurz PTFE) genannt wird. Zudem hatte die Firma 3M eine artverwandte Chemikalie produziert (laut Buch), diese dann eingestellt, hielt aber Kontakt zu DuPont. 3M ist übrigens die Muttergesellschaft von Dyneon, welche z.B. in Genodorf in Deutschland bis 2004 PFOA produzierte.
PTFE/Teflon wird als Antihaftbeschichtung z.B. auf Pfannen aufgebracht (in diesem Zusammenhang hatte ich "Teflon" auch vor Augen, auch mit der Warnung bei Beschädigung der Beschichtung), aber das ist nur eine von vielen Anwendungen. PTFE wird z.B. in Löschschaum verwendet, bei der Produktion fleckenabweisender Teppiche, wasserabweisender Outdoor-Kleidung, Arbeitskleidung, antihaftenden Nahrungsmittelverpackungen im Fast-Food-Bereich/Pizzakartons etc. , und sie können lt. Wiki auch z.B. bei Rasierklingen, Brillengläsern, Piercing-Schmuck, Backpapier, Gitarrensaiten aus Metall und etlichen Industrieteilen Verwendung finden. In diesen Endprodukten ist also PFOA enthalten, wobei es als unerwünschtes Nebenprodukt in Form von "Restgehalt" oder als Verunreinigung im Endprodukt auftreten kann (so verstehe ich unser Bundesinstitut für Risikobewertung - klick). Und wenn das Endprodukt irgendwann zu Müll wird, bricht es in seine Bestandteile auf.
PFOAs wohin man schaut - bei Produktion, im Gebrauch und bei der Entsorgung.
In "Exposure" schildert Robert Billot seine jahrzehntelange Arbeit, die seiner Entdecklung der Chemikalie in den Papieren folgte und in welcher er nicht nur familiär unterstützt wurde (seine Frau hat die Erziehung der Kinder und das familiäre Leben gemanagt und gerockt), sondenr auch von seiner Firma und hinzugezogenen Kollegen.
Ich hatte die Befürchtung, dass der Text zu trocken würde, sei es wegen des Chemie-Themas, sei es wegen des juristischen Gehalts in einem Rechtssystem, das ich nicht kenne. Und ja, es gibt Passagen, die ich etwas trockener empfand, dennoch war die Story für mich über weite Teile informativ und gut zu lesen. Es gab für mich immer wieder "Spannungspunkte" in den drei großen Teilen des Buches (Die Farm, Die Stadt, Die Welt), z.B. im Zusammenhang mit der Recherchearbeit. Andere Passagen sind thematisch und zeitlich gestrafft. Neben Tennant gibt es weitere Einzelschicksale zu erlesen und Einblicke in juristischen Arbeitsweisen in den USA. Schon allein, dass nach Einreichung eines Antrags bei Gericht "relevante" Dokumente zum "Bauen" des Falls direkt an die Gegenseite herauszugeben sind oder Vernehmungen außerhalb des Gerichts (wenngleich mit gerichtlichem Protokollanten) stattfinden, fand ich fremdartig. Im deutschen Rechtssystem gehen relevante Schreiben und Schriftsätze grundsätzlich über das Gericht, das Abschriften erhält, und auch Zeugen bzw. Parteien werden vom Gericht angehört.
Ich kann mir durchaus vorstellen, dass diese Bereiche für andere Leser*innen nicht so interessanten sind, wie ich sie empfang. Für mich las sich das Buch wie ein Thriller, in welchem David gegen Goliath kämpft, wobei David zudem Vorschussarbeit und -geld leisten muss, während Goliath aufgrund finanzieller Ressourcen andere Möglichkeiten der Verfahrensführung hat. Thriller-Eigenschaften hin oder her: Es gab Zeiten, in denen ich das Buch aus der Hand legen musste, weil mich der Inhalt aufregte und ich immer wütender wurde.Dazu gehört zum Beispiel,
- dass DuPont wissentlich jahrzehntelang die Gefahren verschwiegen bzw. Falschinformationen herausgegeben hat, zumal diese Chemikalien persistent und bioakkumulativ sind.
Zur Einordnung nach meiner Laienrecherche:
So toll "antihaft" und "abweisend" als Eigenschaften dieser Chemikalien
sind, so sehr machen genau diese Eigenschaften Probleme beim Abbau:
Persistenz bedeutet, dass diese Verbindungen durch
physikalische, chemische oder biologische Prozesse über lange Zeiträume
in der Umwelt unverändert verbleiben. Bioakkumulativ sind Stoffe, die weder schnell biochemisch ab- oder umgebaut noch rasch
ausgeschieden werden und sich daher im Körper ansammeln. Wir haben also sehr lange etwas von diesen Dingen um uns herum und in uns. Selbst wenn die Konzentration im Wasser und Boden zurückgeht und wir bzw. die Tiere/Pflanzen nichts weiter hierüber aufnehmen, dauert die Verminderung in uns lange, setzt verzögert sein und ist häufig nicht vollständige (danke Wiki).
- dass die amerikanische Regulierungsbehörde EPA offenbar zu sehr mit der Industrie vernetzt ist,
- wie sich die aktuelle Situation in Deutschland darstelt (vermutlich ähnlich auch in anderen Ländern), wonach es bislang (Stand 25.01.20) keine gesetzlich festgelegten Höchstgehalte für PFAS in
Lebensmitteln gibt (es gibt einen für Trinkwasser mit 0,1 Mikrogramm pro Liter u. ich weiß nicht, ob das viel oder wenig ist) und man der Ansicht ist, dass die Haut - Tragen von Outdoor-Kleidung - eine Barriere für PFOAS darstellt (ich bin mir da nicht so sicher, besonders, wenn man an Mikroverletzungen denkt, aber ich bin, wie gesagt, Laie) und Hauptaufnahmequelle der Chemikalie ja sowieso Nahrung sei, weshalb das Risiko der direkten Aufnahme durch die Bekleidung vernachlässigbar ist (nett!). Mir wurde zudem der Eindruck vermittelt, dass wir sowieso nur begrenzt die Aufnahme von PFOA und PFOAS beeinflussen können (insbesondere über Lebensmittel und Trinkwasser) und eine Umstellung der Ernährungsgewohnheiten daher auch nicht nötig sei und dass eine gesundheitliche Beeinträchtigung Neugeborener auch durch längeres Stillen mit Muttermilch - dort landen diese Chemikalien nämlich auch - bei _dem_ Expositonsgehalt in Deutschland nicht besorgniserregenend ist und dass die Messwerte gefallen sind und dass auch eine weitere Reduzierung zu erwarten ist. Ich bin da ja eher skeptisch, da so viele mit PFOAS produzierten Dinge im Gebrauch sind und erst noch entsorgt werden müssen, zumal hier vermutlich ein Informationsdefizit der Bürger*innen hinzukommen dürfte. Bezeichnend finde ich in diesem Zusammenhang die beiden nachfolgenden Artikel:
Der eine behauptet,
dass das industrielle Müllverbrennen von Materialien mit Teflon keine
gefährlichen Stoffe hinterlässt - die zu verbrennenden PFTE-Pellet
wurden offenbar vom Hersteller geliefert, der auch die Studie initiierte
-,
der andere führt an,
dass eine Entsorgung von PFTE-haltigen Materialien (regelmäßig durch
Müllverbrennung) Flusssäure (HF), eine Reihe PFCs
(z.B. TFE) oder Trifluoressigsäure (TFA) freisetzt, wobei viele dieser
Stoffe gesundheitsgefährdend eingestuft und nur schwer abgebaut werden
u. die Umwelt anreichern. Es gibt "HotSpots" in Deutschland,
z.B. in Bayern (klick).
Nicht nur in Nordrhein-Westfalen wurde Dünger aufgebracht, der aus
(falsch deklariertem) Industrieabfall hergestellt wurde, der
PFT enthielt (klick). Die ganze Informationsseite zu PFOAS und PFAS des Bundesinstituts liest sich für mich wie ein Horrorroman trotz der Angaben zum Monitoring/zu Untersuchungen vom
Landesamt für Natur- und Verbraucherschutz in NRW (klick)
So wütend ich auch bin, so bin ich Robert Billot doch dankbar, denn ohne ihn, das glaube ich wirklich, wüssten wir heute nicht so viel über die Gefährlichkeit und die Auswirkungen von PFOAS (und wie sie alle heißen) und vermutlich wären die Regelungen zur Verwendung bzw. dem Recycling der EU auch noch nicht da und die Impulse für die Suche nach Ersatzprodukten bzw. Recycling-Methoden wären auch noch nicht gegeben. Sein erste Klient Earl Tennant brachte Robert Billot an den Fall, aber Billot blieb ebenso wie Tennat am Ball und er ist auch nach Abschluss der Sache Tennant für weitere Bürger aktiv geworden. In seinem Buch spricht er an, dass er aus den Niederlanden kontaktiert wurde, konkret wegen der erhöhten Werte in Dordrecht. Und hier finde ich diese
Arte-Dokumentation auf youtube (klick), die sich genau damit im Jahr 2017 beschäftigt - und die nach Lektüre des Buches erschreckend vertraute Abläufe präsentiert. An mir ist die Doku bis heute vorbeigegangen. Ich befürchte, dass das vielen so gegangen ist - und dass vielen die Gefahren nicht bekannt sind, die mit der Produktion von PFTE verbunden sind bzw. mit der Nutzung und Entsorgung.
Ich finde die Materie verwirrend angesichts der Bezeichnungen und Namenswechsel, der sich widersprechenden Informationen und dass die Informationen so verstreut sind (eine weitere Seite ist a
llum.de mit zB. diesem Artikel klick) - auch das alles macht mich wütend.
Ich hoffe, in meiner kleinen ländlichen Umgebung wird der Film "Vergiftete Wahrheit" (im Original "Dark Waters") mit Mark Ruffalo in einem Kino gezeigt, der offenbar im
April 2020 in die Kinos kommt. Und ich hoffe, dass viele Menschen ihn sehen...
p.s.
Mir ist bewusst, dass auch dieser Beitrag wieder nur zur Hälfte das
Buch an sich betrifft. Aber das wird mir sicherlich nachgesehen.