Ich hatte so viel vor in der vergangenen Woche - Radtour, Lesen, Catching Up mit Picard, Star Trek Discovery und Doctor Who. Einen Strich durch den Plan hat mir das Wetter gemacht. Das Catching Up habe ich hinbekommen auf dem Sofa liegend: Doctor Who Season 12 hat mich schon ein paar Mal positiv überrascht, Picard finde ich toll, bei Disco habe ich mich gut unterhalten gefühlt und mochte besonders den Darsteller und die Darstellung von Captain Pike - wie wäre es mit einer Serie um ihn! Lesen - ähm, ich bezweifle stark, dass es mit den Büchern zu tun hatte, dass ich immer wieder eingenickt bin im Lesesessel. Im Grunde habe ich es zu ein paar Comics geschafft, mehrere davon Star Trek, und das war es dann. Mein Körper hat offensichtlich mehr Schlaf benötigt als ich gedacht hatte. ;) Immerhin habe ich in der vergangenen Woche das erste Mal daheim Skrei-Filet auf der Haut zubereitet - und war zufreiden und satt - und eine One-Pot-Pasta-Variante (gut, aber visuell eher ein Disaster *g*) und fertige Hanf-Emmer-Bällchen mit Süßkartoffeln, Emmentaler u. Rucola von Soto in einer Art Hackfleischbällchen-Soße probiert (nicht schlecht, hielten sogar relativ lange die Form, geschmacklich habe ich - was nicht überraschend ist - mal wieder die einzelnen Zutaten nicht auseinanderhalten können *g*). Außerdem habe ich mir eine Silit-Pfanne mit hohem Rand und Silargan-Beschichtung gekauft und hoffe, dass ich mit dieser Art Pfanne zu arbeiten (um)lerne. Ich werde es sehen. ;)
Momentan wartet die Kaffeemaschine darauf, angemacht zu werden. Ein Brötchen will auch aufgetoastet werden und es gibt eine Auswahl von Büchern in greifbarer Nähe, sobald ich im Lesesessel bin. Ich hoffe, ich schlafe nach dem Frühstück nicht ein. :)
Update 11.45 Uhr
Ich habe jetzt ca. 85 Seiten in dem Roman "Der Vogelgott" von Susanne Röckel gelesen, in dem es lt. Klappentext um Familienmitglieder geht, die eine wissenschaftliche Erziehung genossen haben und dann Kontakt mit einem Mythos um einen Vogelgott bekommen, der sie beeinflusst. Irgendetwas an der Catchphrase zum Roman "Man kann sich seinen Gott nicht aussuchen" und dem Klappentext sprach mich an. Der Prolog erinnerte mich zwar stilistisch frappierend an meine Chefs (lange Sätze, Paranthesen, Kommata und Bindestriche), der Haupttext bessert sich in diesem Bereich allerdings. Es ist mir übrigens bewusst, dass sich der Stil meiner Chefs auf mich ausgewirkt hat, lach. Das Buch selbst hat keine Kapitel, was für mich das Unterbrechen schwierig macht. So ist es mir z.B. auch gegangen, als ich das erste Mal "Die Wand" gelesen habe. Aktuell lese ich die Schilderungen Theodors, des jüngsten von drei Geschwistern, der ziellos in den Tag lebte und durch einen seltsamen Fremden dazu gebracht wurde, sich für ein Jahr für "Save the World" zu verpflichten und Hilfe im Land der Aza zu leisten (geografisch nicht konkret genannt, aber ich könnte mir vorstellen, dass es in Afrika). Die Art, wie z.B. der Fremde auf Theodor wirkt, ohne dass hier eine Erklärung geliefert wird, bzw. wie Röckel das beschreibt, erweckt schon den Eindruck von Mystizismus u. lässt mich- auch wenn ich kaum etwas ihm kenne - mich an Lovecraft denken.
Ich bin mir noch nicht sicher, ob ich Theodor weiter begleite oder erst einmal die Lektüre wechsle. Ich werde berichten.:)
Update 15.00 Uhr
Ein Mittagessen später kann ich berichten, dass Pasta in Zitronenbuttersauce wohl nicht "meins" wird. Ich fand die Sauce einfach sauer, also nicht zitronig. Es kann sehr gut daran liegen, dass "für mich" das Mischungsverhältnis zwischen Butter und Biozitrone (Zesten und Saft) nicht "richtig" war, aber ich habe nach dem ersten Abschmecken schon abgemildert mittels Kochsahne und Parmesan und ich fand es dennoch nur sauer. Vielleicht sollte ich die Version mal mit Orangen probieren. *g*
Vor dem Mittagessen habe ich mir "exit Racism" von Tupoka Ogette gegriffen, das Konstanze im Rahmen ihrer Sachbuch-Challenge vorgestellt hat (klick). Ich habe während ich auf Seite 23 war eine Anmerkung für mich notiert, nur um ein paar Seiten später festzustellen, dass ich diese Anmerkung eine Version (andere Abgrenzungen) der Abwehr darstellt. Auch wenn mir die "Relativierung" bewusst war bei der Abfassung der Anmerkung - ich hatte hierzu sogar eine Notiz gemacht -: Soviel dazu. Das Lesen des Buches wird mich noch ein paar Tage beschäftigen, auch wenn es schmal ist.
Update 19.00 Uhr
Angeregt durch Sunny habe ich vorhin die Switch hervorgeholt und zwei Demos geladen und angespielt. Obwohl ich beide Spiele nett finde, weiß ich aber noch nicht, ob sie bei mir landen. Hat jemand von Euch Erfahrung mit "My Time in Portia", das aktuell für 50 % weniger im Shop geladen werden kann?
Lust zum richtigen Spielen hatte ich allerdings nicht, deswegen habe ich mir ein Buch gegriffen. Das dritte heute. Es ist also wirklich Bookhopping. :)
Dieses Mal bin ich bei einem Jugendbuch gelandet, nämlich "Race to the Sun" by Rebecca Roanhorse im englischen Original. Die "7th Graderin" Nizhoni (vermutlich also zwischen ca. 12 oder 13 Jahre alt) lebt zusammeen mit ihrem Bruder und ihrem Vater in New Mexiko und besucht dort die intertribal community charter school, hat aber dort mit Ausnahme von Davery keine Freunde und versemmelt bei Romanbeginn auch noch den Abschlusswurf im Basketball-Spiel. Besser gesagt: Sie ist abgelenkt von einem Mann im Publikum, der sie mit roten Augen anstarrt, weshalb sie den Zuwurf nicht bemerkt und den Basketball voll ins Gesicht bekommt.Autsch. Nizhoni bemerkt seit einiger Zeit, dass manche Leute ... einfach nicht menschlich sind, sondern Monster. Und dieser Mann ist eindeutig ein Monster. Blöd nur, dass das auch der Boss der Firma ist, bei der sich ihr Vater beworben hat, und er weiß, dass sie die Fähigkeit hat, seine Pläne zu durchkreuzen. Durch ihn erfährt sie auch erstmals davon, dass ihrer Mutter auch Monster sehen konnte. Die Dinge eskalieren recht schnell, nachdem Mr. Charles versucht, die von ihr ausgehende Bedrohung zu beseitigen. Dann gibt es da noch Mr. Yazzie - eine Stoff-Krötenechse, die auch schon mal zu reden anfängt und beklagt, dass die jungen Navajo nicht mehr wie früher die alten Geschichten lernen von Changing Woman, Spider Woman oder den Helden-Zwillingen. Ich mag den Ton des Buches sehr - Nizhoni ist die Erzählering - und auch, wie sie mit anderen interagiert, welchen Beschützerinstinkt sie gegenüber ihrem Bruder hat und auch, wie Worte der Navajo zwanglos in die Geschichte einfließen, deren Erklärung man manchmal auch erst später erfährt.
... Holla, der Wind hat aufgefrischt, es stürmt recht kräftig.
Letztes Update 21.15 Uhr
Ich habe die letzten Stunden nichts mehr gelesen, sondern war mit Merlins Versorgung, meinem Abendessen (Stulle mit Brot) beschäftigt und habe dann ein wenig im Internet herumgestöbert und ein zwei Clips geschaut. Und schon ist es nach 9 und morgen geht es wieder ins Büro. Ich werde also ziemlich fix ins Schlafzimmer umziehen, damit ich morgen so fit wie möglich bin.
Meinen Urlaub mit einem Lesesonntag beenden zu können, war richtig gut. Und jedes meiner drei angefangenen Bücher machte Lust und Laune auf mehr. :)
Sonntag, 16. Februar 2020
Donnerstag, 6. Februar 2020
Konstanzes Sachbuch-Challenge 2020: Exposure by Robert Billot
Ich bin mal wieder wütend.
Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich z.B. nicht mitbekommen haben, dass und wofür Robert Billot den "alternativen Nobelpreis" 2017 erhalten hat, nämlich für die Aufdeckung einer über Jahrzehnte andauernden chemischen Umweltverschmutzung, das Erreichen von Entschädigung für deren Opfer und seinen Einsatz für eine effektivere Regulierung gefährlicher Chemikalien. Vorab auch ein Dislaimer: Ich habe mit Chemie so gar nichts am Hut, das Buch war im amerikanischen Original und so gehen sämtliche Fehler, besonders bei der Bezeichnung/Beschreibung der Chemikalien, auf mich, aber selbst mit Lesart-Fehlern sind die geschilderten Dinge und deren Auswirkungen so wütend machend. Es ist natürlich auch nicht hilfreich, dass sich die Abkürzungen der Gruppe so ähneln und dass - wie im Buch deutlich wird - gerne Code-Namen bzw. Umbenennungen vorgenommen wurden, so insbesondere C8 statt PfOA.
Als Robert Billot von dem Farmer Earl Tennant angesprochen wird, ist er angestellter Unternehmensanwalt in einer Anwaltskanzlei, die regelmäßig Firmen in Bezug auf Umweltregulierungen etc. berät und betreut. Earl Tennannt kommt über eine persönliche Beziehung, nämlich Billots Großmutter, zu ihm, nachdem er über einen langen Zeitraum mit seinen Fragen und Beschwerden gegen Wände gelaufen ist: Seine Rinderherde hat sich trotz unveränderter Versorgung und Betreuung um die Hälfte dezimiert, seine - eigenen - Obduktionen ergeben seltsamen Veränderungen in den Tieren, die förmlich sichtbar dahinsiechen. Auch Wildleben stirbt, auch Haustiere. Tennant geht von einer Vergiftung der Trinkquelle seiner Herde aus. Er hat den Eindruck, dass die vor Ort ansässige Firma DuPont, die legal dort Abwasser einführen darf, mehr als die regulierten Inhalte einbringt. Billot schaut sich die Unterlagen an und nimmt in Abstimmung mit den Inhabern der Kanzlei Tennants Fall an, obwohl man sich so auf die "Gegenseite" der sonstigen Mandanten begibt. Die ersten Unterlagen und Untersuchungen sind nicht gerade erfolgversprechend, die Untersuchungen der Proben ergeben nichts. Allerdings macht die Taktik DuPonts Robert Billot misstrauisch und er gräbt weiter, fordert Unterlagen an, die nicht nur auf Abwasser, sondern die Abläufe "davor" umfassen und stößt auf die Chemikalie mit dem Namen "ammonium perfluorooctanoate" oder auch APFO = eine Version von PFOA
Ich hatte die Befürchtung, dass der Text zu trocken würde, sei es wegen des Chemie-Themas, sei es wegen des juristischen Gehalts in einem Rechtssystem, das ich nicht kenne. Und ja, es gibt Passagen, die ich etwas trockener empfand, dennoch war die Story für mich über weite Teile informativ und gut zu lesen. Es gab für mich immer wieder "Spannungspunkte" in den drei großen Teilen des Buches (Die Farm, Die Stadt, Die Welt), z.B. im Zusammenhang mit der Recherchearbeit. Andere Passagen sind thematisch und zeitlich gestrafft. Neben Tennant gibt es weitere Einzelschicksale zu erlesen und Einblicke in juristischen Arbeitsweisen in den USA. Schon allein, dass nach Einreichung eines Antrags bei Gericht "relevante" Dokumente zum "Bauen" des Falls direkt an die Gegenseite herauszugeben sind oder Vernehmungen außerhalb des Gerichts (wenngleich mit gerichtlichem Protokollanten) stattfinden, fand ich fremdartig. Im deutschen Rechtssystem gehen relevante Schreiben und Schriftsätze grundsätzlich über das Gericht, das Abschriften erhält, und auch Zeugen bzw. Parteien werden vom Gericht angehört.
Ich kann mir durchaus vorstellen, dass diese Bereiche für andere Leser*innen nicht so interessanten sind, wie ich sie empfang. Für mich las sich das Buch wie ein Thriller, in welchem David gegen Goliath kämpft, wobei David zudem Vorschussarbeit und -geld leisten muss, während Goliath aufgrund finanzieller Ressourcen andere Möglichkeiten der Verfahrensführung hat. Thriller-Eigenschaften hin oder her: Es gab Zeiten, in denen ich das Buch aus der Hand legen musste, weil mich der Inhalt aufregte und ich immer wütender wurde.Dazu gehört zum Beispiel,
- dass DuPont wissentlich jahrzehntelang die Gefahren verschwiegen bzw. Falschinformationen herausgegeben hat, zumal diese Chemikalien persistent und bioakkumulativ sind.
- wie sich die aktuelle Situation in Deutschland darstelt (vermutlich ähnlich auch in anderen Ländern), wonach es bislang (Stand 25.01.20) keine gesetzlich festgelegten Höchstgehalte für PFAS in Lebensmitteln gibt (es gibt einen für Trinkwasser mit 0,1 Mikrogramm pro Liter u. ich weiß nicht, ob das viel oder wenig ist) und man der Ansicht ist, dass die Haut - Tragen von Outdoor-Kleidung - eine Barriere für PFOAS darstellt (ich bin mir da nicht so sicher, besonders, wenn man an Mikroverletzungen denkt, aber ich bin, wie gesagt, Laie) und Hauptaufnahmequelle der Chemikalie ja sowieso Nahrung sei, weshalb das Risiko der direkten Aufnahme durch die Bekleidung vernachlässigbar ist (nett!). Mir wurde zudem der Eindruck vermittelt, dass wir sowieso nur begrenzt die Aufnahme von PFOA und PFOAS beeinflussen können (insbesondere über Lebensmittel und Trinkwasser) und eine Umstellung der Ernährungsgewohnheiten daher auch nicht nötig sei und dass eine gesundheitliche Beeinträchtigung Neugeborener auch durch längeres Stillen mit Muttermilch - dort landen diese Chemikalien nämlich auch - bei _dem_ Expositonsgehalt in Deutschland nicht besorgniserregenend ist und dass die Messwerte gefallen sind und dass auch eine weitere Reduzierung zu erwarten ist. Ich bin da ja eher skeptisch, da so viele mit PFOAS produzierten Dinge im Gebrauch sind und erst noch entsorgt werden müssen, zumal hier vermutlich ein Informationsdefizit der Bürger*innen hinzukommen dürfte. Bezeichnend finde ich in diesem Zusammenhang die beiden nachfolgenden Artikel: Der eine behauptet, dass das industrielle Müllverbrennen von Materialien mit Teflon keine gefährlichen Stoffe hinterlässt - die zu verbrennenden PFTE-Pellet wurden offenbar vom Hersteller geliefert, der auch die Studie initiierte -, der andere führt an, dass eine Entsorgung von PFTE-haltigen Materialien (regelmäßig durch Müllverbrennung) Flusssäure (HF), eine Reihe PFCs (z.B. TFE) oder Trifluoressigsäure (TFA) freisetzt, wobei viele dieser Stoffe gesundheitsgefährdend eingestuft und nur schwer abgebaut werden u. die Umwelt anreichern. Es gibt "HotSpots" in Deutschland, z.B. in Bayern (klick). Nicht nur in Nordrhein-Westfalen wurde Dünger aufgebracht, der aus (falsch deklariertem) Industrieabfall hergestellt wurde, der PFT enthielt (klick). Die ganze Informationsseite zu PFOAS und PFAS des Bundesinstituts liest sich für mich wie ein Horrorroman trotz der Angaben zum Monitoring/zu Untersuchungen vom Landesamt für Natur- und Verbraucherschutz in NRW (klick)
So wütend ich auch bin, so bin ich Robert Billot doch dankbar, denn ohne ihn, das glaube ich wirklich, wüssten wir heute nicht so viel über die Gefährlichkeit und die Auswirkungen von PFOAS (und wie sie alle heißen) und vermutlich wären die Regelungen zur Verwendung bzw. dem Recycling der EU auch noch nicht da und die Impulse für die Suche nach Ersatzprodukten bzw. Recycling-Methoden wären auch noch nicht gegeben. Sein erste Klient Earl Tennant brachte Robert Billot an den Fall, aber Billot blieb ebenso wie Tennat am Ball und er ist auch nach Abschluss der Sache Tennant für weitere Bürger aktiv geworden. In seinem Buch spricht er an, dass er aus den Niederlanden kontaktiert wurde, konkret wegen der erhöhten Werte in Dordrecht. Und hier finde ich diese Arte-Dokumentation auf youtube (klick), die sich genau damit im Jahr 2017 beschäftigt - und die nach Lektüre des Buches erschreckend vertraute Abläufe präsentiert. An mir ist die Doku bis heute vorbeigegangen. Ich befürchte, dass das vielen so gegangen ist - und dass vielen die Gefahren nicht bekannt sind, die mit der Produktion von PFTE verbunden sind bzw. mit der Nutzung und Entsorgung.
Ich finde die Materie verwirrend angesichts der Bezeichnungen und Namenswechsel, der sich widersprechenden Informationen und dass die Informationen so verstreut sind (eine weitere Seite ist allum.de mit zB. diesem Artikel klick) - auch das alles macht mich wütend.
Ich hoffe, in meiner kleinen ländlichen Umgebung wird der Film "Vergiftete Wahrheit" (im Original "Dark Waters") mit Mark Ruffalo in einem Kino gezeigt, der offenbar im April 2020 in die Kinos kommt. Und ich hoffe, dass viele Menschen ihn sehen...
p.s.
Mir ist bewusst, dass auch dieser Beitrag wieder nur zur Hälfte das Buch an sich betrifft. Aber das wird mir sicherlich nachgesehen.
Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich z.B. nicht mitbekommen haben, dass und wofür Robert Billot den "alternativen Nobelpreis" 2017 erhalten hat, nämlich für die Aufdeckung einer über Jahrzehnte andauernden chemischen Umweltverschmutzung, das Erreichen von Entschädigung für deren Opfer und seinen Einsatz für eine effektivere Regulierung gefährlicher Chemikalien. Vorab auch ein Dislaimer: Ich habe mit Chemie so gar nichts am Hut, das Buch war im amerikanischen Original und so gehen sämtliche Fehler, besonders bei der Bezeichnung/Beschreibung der Chemikalien, auf mich, aber selbst mit Lesart-Fehlern sind die geschilderten Dinge und deren Auswirkungen so wütend machend. Es ist natürlich auch nicht hilfreich, dass sich die Abkürzungen der Gruppe so ähneln und dass - wie im Buch deutlich wird - gerne Code-Namen bzw. Umbenennungen vorgenommen wurden, so insbesondere C8 statt PfOA.
Als Robert Billot von dem Farmer Earl Tennant angesprochen wird, ist er angestellter Unternehmensanwalt in einer Anwaltskanzlei, die regelmäßig Firmen in Bezug auf Umweltregulierungen etc. berät und betreut. Earl Tennannt kommt über eine persönliche Beziehung, nämlich Billots Großmutter, zu ihm, nachdem er über einen langen Zeitraum mit seinen Fragen und Beschwerden gegen Wände gelaufen ist: Seine Rinderherde hat sich trotz unveränderter Versorgung und Betreuung um die Hälfte dezimiert, seine - eigenen - Obduktionen ergeben seltsamen Veränderungen in den Tieren, die förmlich sichtbar dahinsiechen. Auch Wildleben stirbt, auch Haustiere. Tennant geht von einer Vergiftung der Trinkquelle seiner Herde aus. Er hat den Eindruck, dass die vor Ort ansässige Firma DuPont, die legal dort Abwasser einführen darf, mehr als die regulierten Inhalte einbringt. Billot schaut sich die Unterlagen an und nimmt in Abstimmung mit den Inhabern der Kanzlei Tennants Fall an, obwohl man sich so auf die "Gegenseite" der sonstigen Mandanten begibt. Die ersten Unterlagen und Untersuchungen sind nicht gerade erfolgversprechend, die Untersuchungen der Proben ergeben nichts. Allerdings macht die Taktik DuPonts Robert Billot misstrauisch und er gräbt weiter, fordert Unterlagen an, die nicht nur auf Abwasser, sondern die Abläufe "davor" umfassen und stößt auf die Chemikalie mit dem Namen "ammonium perfluorooctanoate" oder auch APFO = eine Version von PFOA
Zur Einordnung nach meiner Laienrecherche:
Perfluoroctansäure, kurz PFOA, gehört, wie mir Tante Wiki erklärt hat, zu den per- und polyfluorierten Alkylverbindungen (kurz PFAS, ich habe auch PFC gelesen, historisch auch schon mal PFT - es gibt offenbar über 4700 verschiedene PFTs- bzw. PFAS-Verbindungen, es ist also eine große Gruppe) und hat öl- und wasserabstoßende Eigenschaften. Damit wirkt es wie ein Tensid und Tenside werden z.B. als Emulgatoren genutzt. Tenside/Emulgatoren sind zu finden z.B. in Wasch- oder Spülmitteln, Druckertinte, Löschschaum, sie werden aber auch zur Verseifung z.B. von Kakaopulver genutzt (lt. Wiki).
Und konkret PFOA wurde als Emulgator von DuPont bei der Herstellung von einem Produkt mit dem Handelsnamen "Teflon" verwendet, welches ein Polymer ist und - wenn ich es richtig verstanden habe - auch Polytetrafluorethylen (kurz PTFE) genannt wird. Zudem hatte die Firma 3M eine artverwandte Chemikalie produziert (laut Buch), diese dann eingestellt, hielt aber Kontakt zu DuPont. 3M ist übrigens die Muttergesellschaft von Dyneon, welche z.B. in Genodorf in Deutschland bis 2004 PFOA produzierte.In "Exposure" schildert Robert Billot seine jahrzehntelange Arbeit, die seiner Entdecklung der Chemikalie in den Papieren folgte und in welcher er nicht nur familiär unterstützt wurde (seine Frau hat die Erziehung der Kinder und das familiäre Leben gemanagt und gerockt), sondenr auch von seiner Firma und hinzugezogenen Kollegen.
PTFE/Teflon wird als Antihaftbeschichtung z.B. auf Pfannen aufgebracht (in diesem Zusammenhang hatte ich "Teflon" auch vor Augen, auch mit der Warnung bei Beschädigung der Beschichtung), aber das ist nur eine von vielen Anwendungen. PTFE wird z.B. in Löschschaum verwendet, bei der Produktion fleckenabweisender Teppiche, wasserabweisender Outdoor-Kleidung, Arbeitskleidung, antihaftenden Nahrungsmittelverpackungen im Fast-Food-Bereich/Pizzakartons etc. , und sie können lt. Wiki auch z.B. bei Rasierklingen, Brillengläsern, Piercing-Schmuck, Backpapier, Gitarrensaiten aus Metall und etlichen Industrieteilen Verwendung finden. In diesen Endprodukten ist also PFOA enthalten, wobei es als unerwünschtes Nebenprodukt in Form von "Restgehalt" oder als Verunreinigung im Endprodukt auftreten kann (so verstehe ich unser Bundesinstitut für Risikobewertung - klick). Und wenn das Endprodukt irgendwann zu Müll wird, bricht es in seine Bestandteile auf.
PFOAs wohin man schaut - bei Produktion, im Gebrauch und bei der Entsorgung.
Ich hatte die Befürchtung, dass der Text zu trocken würde, sei es wegen des Chemie-Themas, sei es wegen des juristischen Gehalts in einem Rechtssystem, das ich nicht kenne. Und ja, es gibt Passagen, die ich etwas trockener empfand, dennoch war die Story für mich über weite Teile informativ und gut zu lesen. Es gab für mich immer wieder "Spannungspunkte" in den drei großen Teilen des Buches (Die Farm, Die Stadt, Die Welt), z.B. im Zusammenhang mit der Recherchearbeit. Andere Passagen sind thematisch und zeitlich gestrafft. Neben Tennant gibt es weitere Einzelschicksale zu erlesen und Einblicke in juristischen Arbeitsweisen in den USA. Schon allein, dass nach Einreichung eines Antrags bei Gericht "relevante" Dokumente zum "Bauen" des Falls direkt an die Gegenseite herauszugeben sind oder Vernehmungen außerhalb des Gerichts (wenngleich mit gerichtlichem Protokollanten) stattfinden, fand ich fremdartig. Im deutschen Rechtssystem gehen relevante Schreiben und Schriftsätze grundsätzlich über das Gericht, das Abschriften erhält, und auch Zeugen bzw. Parteien werden vom Gericht angehört.
Ich kann mir durchaus vorstellen, dass diese Bereiche für andere Leser*innen nicht so interessanten sind, wie ich sie empfang. Für mich las sich das Buch wie ein Thriller, in welchem David gegen Goliath kämpft, wobei David zudem Vorschussarbeit und -geld leisten muss, während Goliath aufgrund finanzieller Ressourcen andere Möglichkeiten der Verfahrensführung hat. Thriller-Eigenschaften hin oder her: Es gab Zeiten, in denen ich das Buch aus der Hand legen musste, weil mich der Inhalt aufregte und ich immer wütender wurde.Dazu gehört zum Beispiel,
- dass DuPont wissentlich jahrzehntelang die Gefahren verschwiegen bzw. Falschinformationen herausgegeben hat, zumal diese Chemikalien persistent und bioakkumulativ sind.
Zur Einordnung nach meiner Laienrecherche:- dass die amerikanische Regulierungsbehörde EPA offenbar zu sehr mit der Industrie vernetzt ist,
So toll "antihaft" und "abweisend" als Eigenschaften dieser Chemikalien sind, so sehr machen genau diese Eigenschaften Probleme beim Abbau: Persistenz bedeutet, dass diese Verbindungen durch physikalische, chemische oder biologische Prozesse über lange Zeiträume in der Umwelt unverändert verbleiben. Bioakkumulativ sind Stoffe, die weder schnell biochemisch ab- oder umgebaut noch rasch ausgeschieden werden und sich daher im Körper ansammeln. Wir haben also sehr lange etwas von diesen Dingen um uns herum und in uns. Selbst wenn die Konzentration im Wasser und Boden zurückgeht und wir bzw. die Tiere/Pflanzen nichts weiter hierüber aufnehmen, dauert die Verminderung in uns lange, setzt verzögert sein und ist häufig nicht vollständige (danke Wiki).
- wie sich die aktuelle Situation in Deutschland darstelt (vermutlich ähnlich auch in anderen Ländern), wonach es bislang (Stand 25.01.20) keine gesetzlich festgelegten Höchstgehalte für PFAS in Lebensmitteln gibt (es gibt einen für Trinkwasser mit 0,1 Mikrogramm pro Liter u. ich weiß nicht, ob das viel oder wenig ist) und man der Ansicht ist, dass die Haut - Tragen von Outdoor-Kleidung - eine Barriere für PFOAS darstellt (ich bin mir da nicht so sicher, besonders, wenn man an Mikroverletzungen denkt, aber ich bin, wie gesagt, Laie) und Hauptaufnahmequelle der Chemikalie ja sowieso Nahrung sei, weshalb das Risiko der direkten Aufnahme durch die Bekleidung vernachlässigbar ist (nett!). Mir wurde zudem der Eindruck vermittelt, dass wir sowieso nur begrenzt die Aufnahme von PFOA und PFOAS beeinflussen können (insbesondere über Lebensmittel und Trinkwasser) und eine Umstellung der Ernährungsgewohnheiten daher auch nicht nötig sei und dass eine gesundheitliche Beeinträchtigung Neugeborener auch durch längeres Stillen mit Muttermilch - dort landen diese Chemikalien nämlich auch - bei _dem_ Expositonsgehalt in Deutschland nicht besorgniserregenend ist und dass die Messwerte gefallen sind und dass auch eine weitere Reduzierung zu erwarten ist. Ich bin da ja eher skeptisch, da so viele mit PFOAS produzierten Dinge im Gebrauch sind und erst noch entsorgt werden müssen, zumal hier vermutlich ein Informationsdefizit der Bürger*innen hinzukommen dürfte. Bezeichnend finde ich in diesem Zusammenhang die beiden nachfolgenden Artikel: Der eine behauptet, dass das industrielle Müllverbrennen von Materialien mit Teflon keine gefährlichen Stoffe hinterlässt - die zu verbrennenden PFTE-Pellet wurden offenbar vom Hersteller geliefert, der auch die Studie initiierte -, der andere führt an, dass eine Entsorgung von PFTE-haltigen Materialien (regelmäßig durch Müllverbrennung) Flusssäure (HF), eine Reihe PFCs (z.B. TFE) oder Trifluoressigsäure (TFA) freisetzt, wobei viele dieser Stoffe gesundheitsgefährdend eingestuft und nur schwer abgebaut werden u. die Umwelt anreichern. Es gibt "HotSpots" in Deutschland, z.B. in Bayern (klick). Nicht nur in Nordrhein-Westfalen wurde Dünger aufgebracht, der aus (falsch deklariertem) Industrieabfall hergestellt wurde, der PFT enthielt (klick). Die ganze Informationsseite zu PFOAS und PFAS des Bundesinstituts liest sich für mich wie ein Horrorroman trotz der Angaben zum Monitoring/zu Untersuchungen vom Landesamt für Natur- und Verbraucherschutz in NRW (klick)
So wütend ich auch bin, so bin ich Robert Billot doch dankbar, denn ohne ihn, das glaube ich wirklich, wüssten wir heute nicht so viel über die Gefährlichkeit und die Auswirkungen von PFOAS (und wie sie alle heißen) und vermutlich wären die Regelungen zur Verwendung bzw. dem Recycling der EU auch noch nicht da und die Impulse für die Suche nach Ersatzprodukten bzw. Recycling-Methoden wären auch noch nicht gegeben. Sein erste Klient Earl Tennant brachte Robert Billot an den Fall, aber Billot blieb ebenso wie Tennat am Ball und er ist auch nach Abschluss der Sache Tennant für weitere Bürger aktiv geworden. In seinem Buch spricht er an, dass er aus den Niederlanden kontaktiert wurde, konkret wegen der erhöhten Werte in Dordrecht. Und hier finde ich diese Arte-Dokumentation auf youtube (klick), die sich genau damit im Jahr 2017 beschäftigt - und die nach Lektüre des Buches erschreckend vertraute Abläufe präsentiert. An mir ist die Doku bis heute vorbeigegangen. Ich befürchte, dass das vielen so gegangen ist - und dass vielen die Gefahren nicht bekannt sind, die mit der Produktion von PFTE verbunden sind bzw. mit der Nutzung und Entsorgung.
Ich finde die Materie verwirrend angesichts der Bezeichnungen und Namenswechsel, der sich widersprechenden Informationen und dass die Informationen so verstreut sind (eine weitere Seite ist allum.de mit zB. diesem Artikel klick) - auch das alles macht mich wütend.
Ich hoffe, in meiner kleinen ländlichen Umgebung wird der Film "Vergiftete Wahrheit" (im Original "Dark Waters") mit Mark Ruffalo in einem Kino gezeigt, der offenbar im April 2020 in die Kinos kommt. Und ich hoffe, dass viele Menschen ihn sehen...
p.s.
Mir ist bewusst, dass auch dieser Beitrag wieder nur zur Hälfte das Buch an sich betrifft. Aber das wird mir sicherlich nachgesehen.
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